Jede Generation baut die Infrastruktur, die ihre Wirtschaft trägt. Und jede Generation entscheidet damit, welche Städte mitwachsen und welche zurückbleiben.
Im 19. Jahrhundert war es die Eisenbahn. Wer einen Bahnhof hatte, dessen Bevölkerung verdoppelte sich; wer keinen hatte, verlor Werkstätten und Arbeitskräfte. Im 20. Jahrhundert waren es Stromnetze, Autobahnen und Großkraftwerke. Auch hier galt: Standorte mit Anschluss wuchsen. Industrie zog dorthin, wo es zuverlässig Strom gab.
In Philippsburg lieferte das Kernkraftwerk vier Jahrzehnte lang einen erheblichen Teil des Stroms für die Wirtschaft Baden-Württembergs. Und die Stadt wuchs mit ihm: Arbeiter, Ingenieure und Spezialisten zogen zu, neue Wohnviertel entstanden, der kommunale Haushalt fand seine Bemessungsgrundlage. Bis 2020 die Energiepolitik umsteuerte und die Kühltürme fielen.
Eisenbahn
Anschluss ans Schienennetz entschied über Werkstätten, Märkte, Wachstum.
Strom & Autobahn
Großkraftwerke und Fernstraßen prägten Industriestandorte für Jahrzehnte.
Philippsburg I & II
Vier Jahrzehnte lang ein erheblicher Teil des Stroms für BW. Die Stadt wuchs mit.
Rechenzentren
Rechenleistung und Glasfaser tragen die nächste Wirtschaftsgeneration.
Was bleibt, was sich ändert
Heute sind es Rechenzentren und die Glasfaserleitungen, die sie verbinden, die diese Rolle übernehmen. Was beide Infrastrukturen, die alte und die neue, verbindet, ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich: Beide brauchen denselben Standorttyp. Einen Ort mit starkem Stromanschluss, ausreichend Fläche, guter Anbindung, qualifizierten Fachkräften in der Region. Genau das, was Philippsburg über die vergangenen Jahrzehnte aufgebaut hat: eine industrielle Tradition, eine eingespielte regionale Fachkräfte-Landschaft und einen Höchstspannungsanschluss, der vom Kernkraftwerk her bereitsteht und sich weiternutzen lässt.
Konkret: Das 380-kV-Schaltfeld der TransnetBW, das vier Jahrzehnte lang den Strom aus dem Kernkraftwerk ins Netz gespeist hat, ist nach wie vor da. Es wird jetzt in die andere Richtung genutzt, als Anschluss, über den der Standort Strom für die Rechner bezieht. Aus einem Stromausgang wird ein Stromeingang. Die Substanz bleibt, ihre Funktion dreht sich.
Rechenleistung ist der neue Rohstoff. Und Rechenzentren sind die neuen Raffinerien.- Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales · Bundestag, 16. April 2026
Berufe, die wachsen lassen
Wie das Kernkraftwerk in den 1970er und 80er Jahren brauchen auch Rechenzentren qualifizierte Fachkräfte. Nicht primär Bauarbeiter, auch wenn die Bauphase mehrere Jahre umfasst, sondern Berufe, die dauerhaft am Standort gebraucht werden:
Hinzu kommen Aufträge für regionale Bau-, Tiefbau-, Elektro- und Logistikfirmen während der mehrjährigen Bauphase, ein wirtschaftlicher Multiplikator, der über den eigenen Standort hinausreicht und in die ganze Region wirkt.
Die Frage ist nicht ob sondern wo
Diese Gebäude werden gebaut, weil unsere Wirtschaft ohne sie nicht funktioniert. Die Frage, vor der wir stehen, ist nicht, ob Deutschland mehr Rechenzentren bekommt, sondern wo. In Frankfurt sind die Standorte knapp, der Strom auch. Mietpreise und Wartelisten zeigen es. Wer in dieser Lage geeignete Voraussetzungen mitbringt, hat eine Chance, die andere Städte nicht haben.
Philippsburg bringt diese Voraussetzungen mit. Und das ist eine Entscheidung, die heute fällt, nicht morgen, denn die Bedarfe entstehen in den nächsten Jahren, nicht in den nächsten Jahrzehnten.
Ein anderes Kapitel, kein zweites Kernkraftwerk
Ein Rechenzentrum ist kein Kraftwerk. Es erzeugt keinen Strom, es verbraucht ihn. Es spaltet keine Atome, es bewegt Daten. Es hat keine Notfallzonen, keine radiologische Überwachung, keine 30-Kilometer-Sicherheitsradien.
Was es schon mit dem Kernkraftwerk teilt, sind die Standortvoraussetzungen: starker Netzanschluss, Wasserzugang für Kühlung, ausreichende Fläche, gute Verkehrsanbindung. Und es teilt das Versprechen, dass Industrie-Investitionen am Standort über Jahrzehnte Wertschöpfung erzeugen, durch Aufträge, Arbeitsplätze und Gewerbesteuer.
Mehr zur Technik gibt es im ersten Beitrag „Was ist ein Rechenzentrum", mehr zur Wärme im zweiten Beitrag „Was passiert mit der Wärme".